Mr. Artz: O Sohle mio

Das Original für die Kopie

Er ist das Gesicht der Fußgängerzone, doch es wird bald fehlen: Im Dezember hört Werner Artz nach 28 Jahren des Schlüsselnachmachens und des Schuhbesohlens auf

Nun ist er 61 Jahre alt, trägt wie fast immer ein grob kariertes Hemd und sagt: „Es reicht.“ 

Von diesen 61 Jahren hat Werner Artz 28 Jahre mitten in der Stadt in einem Raum verbracht, für den das Wort Kabuff erfunden werden müsste, wenn es nicht schon existierte. 

„Schuh- und Schlüsseldienst Werner Artz“ stand früher als Schriftzug über dem Glaskasten links vom Kaufhof-Eingang, und es gibt wohl kaum einen Klever, der nicht schon einmal die prompten Dienste des Mannes in Anspruch genommen hat, weil mal wieder ein Hausschlüssel verloren gegangen ist, weil die Sohlen durchgelaufen waren, oder weil das traute Heim ein neues Türschild benötigte.

Über die knapp drei Jahrzehnte, die Werner Artz zwischen Gravurmaschine und Sohlenpresse verbrachte, ist er im turbulenten Umfeld der Innenstadt der Fels in der Brandung geblieben. Er hat Kaufhof-Geschäftsführer kommen und gehen sehen, um ihn herum haben Geschäfte eröffnet und wieder geschlossen. Er blieb auf seinem Posten, rund 7000 Werktage, und wartete darauf, dass seine mit rauchiger Stimme vorgetragene Kompetenz gefragt war, um die kleinen Nöte des Alltags zu lindern.

Die Klever kamen als Kunden, und viele blieben als Freunde, die in den Vormittagsstunden zu einer kurzen Lagebesprechung ins Kabuff kamen. Hartmut Bündner, ein treuer Kunde, brachte sogar jeden Morgen eine Thermoskanne Kaffee vorbei, einfach so, im Gegenzug für ein bisschen Geplauder. 

Verlässlicher Kaffeelieferant: H. Bündner

Doch auch Werner Artz musste erleben, dass die Welt sich wandelt und die Zahl der Sohlen, die repariert werden, abnimmt. „Die jungen Leute“, so Artz, „die lassen doch nichts mehr reparieren.“ Und die alten Leute, die noch was reparieren lassen, werden weniger.

  1. Die New York Times kann ich als Quelle für Rezepte nicht ernst nehmen

  2. Sehr lecker ist auch Blumenkohl in Butter frittiert.

Die Zeiten haben sich geändert. „Früher, da hatte ich zum Beispiel einen Kunden, da wusste ich, das war ein armer Schloof. Dem habe ich die Schuhe repariert, da hat der mir eine Kiste Äpfel hingestellt. Das war OK, das war ein Geben und Nehmen. Die Gesellschaft heute ist viel egoistischer geworden.“

Am 24. Dezember, also an Heiligabend, wird sein letzter Arbeitstag im Kabuff sein. Wer also auf die zugegebenermaßen ungewöhnliche Idee kommen sollte, seinem oder seiner Liebsten zu Weihnachten ein paar von Werner Artz reparierte Schuhe zu schenken, hat in diesen Wochen seine letzte Chance. Einen Nachfolger wird es nicht geben. 

Artz hatte eigentlich Bau- und Möbelschreiner gelernt, dann bei Fenster Kersjes und in der Schreinerei von Alfons A. Tönnissen gearbeitet. Es folgten einige Jahre, in denen er als „Mister Minit“ in Emmerich, Rees und Bocholt Erfahrungen in der Reproduktion von Schlüsseln und der Reparatur von Schuhen sammelte, bevor er sich 1992 mit seiner eigenen Firma in Kleve selbstständig machte.

Die Kunden sind natürlich alles andere als glücklich über das Ende der kleinen Werkstatt, „viele sind schon am Nölen“, wie Werner Artz es in Kenntnis der Klever Seele beschreibt. Es ist ihm egal. Nun hat er noch mehr Zeit, sich mit der schwankenden Entwicklung von Borussia Mönchengladbach zu beschäftigen (im Fanbus zu den Spielen fährt er allerdings schon einige Zeit nicht mehr), sich um seine Familie zu kümmern und in aller Herrgottsfrühe angeln zu gehen. Der KLEVER wünscht: Petri Heil!

An der Gravurmaschine: W. Artz

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